Alcaraz-Medvedev: Wer zieht ins Finale ein?

Carlos Alcaraz und Daniil Medvedev treffen heute im Halbfinale des ATP 500 in Wien aufeinander. Alcaraz führt im direkten Vergleich 6-3, doch das letzte Duell gewann Medvedev: 6-3, 7-6 in Indian Wells im März, die erste Saisonniederlage des Spaniers nach 16 Siegen in Folge. Um dieses Ergebnis umzukehren, muss Alcaraz beim Return Punkte gegen Medvedevs zweiten Aufschlag finden. In Kalifornien gelang ihm das nicht, und der Rest des Matches ergab sich daraus.
Was Indian Wells gezeigt hat
Medvedev gewann 23 der 31 Punkte mit dem zweiten Aufschlag, 74 %. Alcaraz kam in einer Stunde und 37 Minuten Spielzeit auf 30 unerzwungene Fehler.
Beide Zahlen beschreiben dasselbe Problem. Ohne Lücke beim zweiten Aufschlag suchte Alcaraz den Punkt im Grundlinienduell, und dort machte Medvedev keine Fehler. Der Spanier sagte es nach dem Match selbst:
„Die Ballwechsel sind lang, du musst fast bei jedem Schlag die Power erhöhen.“
Er erklärte, dass ihn dieser Aufwand zusätzliche Energie kostete, auch wegen der Hitze.
Im zweiten Satz änderte Alcaraz seinen Plan, mit Stopps und Tempowechseln, um Medvedev von der Grundlinie wegzulocken. Das funktionierte eine Zeit lang: Break zum 3-1 und Chancen, den Satz zu beenden. Medvedev holte sich das Break sofort zurück, ging im Tie-Break 6-1 in Führung und schloss ihn mit einem Ass 7-3 ab.
Der Platz in Wien und der Stopp
Der Hallen-Hartplatz der Stadthalle spielt sich, nach dieser Woche zu urteilen, schnell und mit flachem Absprung. Für Medvedev ist das beim flachen Schlag ein Vorteil: Der Ball bleibt auf Höhe seiner beidhändigen Rückhand, und er kann ihn longline treiben, ohne ihm viel Spin mitzugeben.
Derselbe flache Absprung macht Alcaraz' Stopp wirkungsvoller. Medvedev returniert und verteidigt weit hinter der Grundlinie, und auf diesem Platz stirbt ein gut gespielter Stopp, bevor er ihn erreicht. In Indian Wells kam die Variation erst im zweiten Satz. In Wien muss sie für Alcaraz der Plan ab dem ersten Game sein, vor allem bei Medvedevs zweiten Aufschlägen: tiefer Return in die Mitte, dann der Stopp auf den ersten langsamen Ball.
Diese Woche hat Alcaraz drei Matches gespielt, und alle drei hatten einen Tie-Break im zweiten Satz: gegen Karen Khachanov, Nikoloz Basilashvili und Tommy Paul. Gegen Paul wehrte er alle fünf Breakbälle ab, die er zuließ. Der Aufschlag hält. Was fehlt, ist das Break im zweiten Satz, und gegen Medvedev ist ein weiterer Tie-Break genau das Terrain, auf dem der Spanier im März verloren hat.
Zwei laufende Serien
Alcaraz hat 24 Matches in Folge bei ATP-500-Turnieren gewonnen, seit dem verlorenen Finale von Barcelona 2025 gegen Holger Rune. Medvedev hat 2026 vier Titel geholt (Brisbane, Dubai, Hangzhou und Almaty, das er am vergangenen Sonntag verteidigte) und mehr als 40 Siege auf Hartplatz, den Höchstwert auf der Tour. Nach Wien kam er direkt aus Almaty: Er setzte sich gegen Cameron Norrie durch, schlug dann Adrian Mannarino 6-2, 6-3 und qualifizierte sich für die Finals in Turin.
In der Halle trafen sie bereits aufeinander, ausgerechnet in Turin, in der Gruppenphase der Finals 2023: Alcaraz gewann 6-4, 6-4.
Alcaraz geht mit einem leichten Vorteil ins Match. Der flache Platz belohnt den Stopp, die Waffe, mit der er Medvedev schon im März in Schwierigkeiten brachte, und das Hallenduell von Turin ging an ihn. Der Spielraum bleibt knapp, und Alcaraz' Name könnte die Prognose stärker beeinflussen als die Daten: Wer ihn als klaren Favoriten sieht, überschätzt einen Spieler, der in Wien noch keinen zweiten Satz ohne Tie-Break gewonnen hat. Die Prognose kippt, wenn Alcaraz in den ersten Returnspielen keine Punkte gegen Medvedevs zweiten Aufschlag findet. Liegt der Russe beim zweiten Aufschlag wieder bei rund 70 %, läuft das Match wieder in die Bahnen von Indian Wells.


